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DAS KROATISCHE KUNSTLIED

In den deutschsprachigen Ländern nehmen Musiker und Musikinteressierte oft ganz selbstverständlich an, dass das Kunstlied für Gesang und Klavier die exklusive Erfindung von deutschen und österreichischen Komponisten sei. Diese Annahme basiert natürlich auf der Tatsache, dass viele im Konzert gesungene Lieder ja wirklich von Deutschen und Österreichern stammen, man denke nur an große Liedkomponisten wie Franz Schubert, Robert Schumann, Hugo Wolf, Johannes Brahms und später Gustav Mahler und Richard Strauss. Aber das bedeutet nicht, dass das restliche Europa des 19. Jahrhunderts keine Liedkomponisten hervorgebracht hätte. Edvard Grieg in Norwegen, Gabriel Fauré in Frankreich, Peter Tschaikowski und Modest Mussorgsky in Russland – sie alle sind Beispiele dafür, dass das Kunstlied während des 19. Jahrhunderts in vielen europäischen Ländern gepflegt wurde. Die Mezzosopranistin Nataša Antoniazzo und die Pianistin Mia Elezović zeigen auf ihrer neuen CD nun, dass es auch in Kroatien eine blühende Liedtradition gab. Das von den beiden Künstlerinnen präsentierte Spektrum an Liedern reicht von Vatroslav Lisinski (1819-1854), Komponist der ersten kroatischen National-Oper Ljubav i zloba (“Liebe und Bosheit”, 1846), über den Romantiker Ivan pl. Zajc (1832-1914) bis zur Gräfin Dora Pejačević (1885-1923), der Komponistin der ersten modernen kroatischen Symphonie. Die hier dargebotene Auswahl bietet einen reizvollen Querschnitt durch das kroatische Kunstlied des 19. Jahrhunderts. Sie enthält eine Fülle oft sehr klangschöner Lieder, die den Vergleich mit bekannteren Stücken aus dem deutsch-österreichischen Raum nicht scheuen müssen.

 


Rezension DAS KROATISCHE KUNSTLIED

REZENSION: 05.02.2019
KLASSIK HEUTE
Link: http://www.klassik-heute.de/4daction/www_medien_einzeln?id=22813
Die neue Veröffentlichung der ANTES Edition füllt eine deutliche diskographische Lücke, denn von der kroatischen Musik wissen wir im deutschsprachigen Raum so gut wie gar nichts. Außer der Gräfin Dora Pejačević (1885-1923), deren Werke durch eine verdienstvolle Reihe bei cpo wieder ins Gedächtnis gerufen wurden, dürfte bei uns keiner der hier präsentierten Komponisten bekannt sein. Das Kunstlied war offenbar eine sehr zentrale Gattung in der kroatischen Musik des 19. und des beginnenden 20. Jahrhunderts. Neben der heimischen Lyrik haben die Komponisten aber auch Dichtungen deutscher, italienischer, französischer und tschechischer Provenienz vertont. Die vorliegende Auswahl stellt mit 11 Titeln die deutschen Texte ins Zentrum, ein Gedicht stammt aus Frankreich, nur vier Lieder gehen auf kroatische Lyrik zurück. Diese Auswahl mag nicht repräsentativ sein, wurde aber unter dem Aspekt der internationalen Verbreitung der nationalen Musik getroffen.

Nach dem Eindruck dieser Auswahl hat sich das kroatische Kunstlied parallel zum deutschsprachigen, aber nicht in unmittelbarer Abhängigkeit von ihm entwickelt. Es gibt vor allem in den romantischen Gesängen von Vatroslav Lisinski (1819-1854), dem Schöpfer der Gattung, die sich mit ihm aus der Tradition des Salonlieds herauslöste, von Ferdo Wiesner Livadić (1799-1879) und Ivan Padovec (1800-1873) in der Themen- und Autorenwahl eine Nähe vor allem zu Robert Schumann, doch sind in Melodik und Rhythmus auch mediterrane und orientalische Einflüsse erkennbar. Der jung verstorbene Geigenvirtuose Franjo Krežma (1862-1881) begibt sich mit Vertonungen von Heine („Du bist wie eine Blume) und Lenau in unmittelbare Konkurrenz zum großen deutschen Vorbild. Bei Ivan Zajc, der selbst ein erfolgreicher Opernkomponist war und in italienischer Manier komponierte, zeigt auch das Liedschaffen Einflüsse des Belcanto. Die Gräfin Pejačević und Blagoje Bersa (1873-1934) sind Vertreter der damaligen kroatischen Avantgarde und von der Atmosphäre des fin-de-siècle geprägt.
Die beiden jungen Künstlerinnen Nataša Antoniazzo und Mia Elezović sind engagierte Anwältinnen ihrer nationalen Musikkultur und – vor allem die Pianistin – um stilistische Differenziertheit bemüht. Bei der durchaus reizvoll timbrierten Mezzosopranistin, die trotz des unüberhörbaren Akzents die deutschen Texte plastisch vermittelt, führt der durchweg etwas verhangene Ton dazu, dass selbst die eher heiteren Lieder einen elegischen Charakter bekommen, was im Verlaufe des Recitals zu einer gewissen Einförmigkeit des Vortrags führt.

Ekkehard Pluta [05.02.2019]


JPC – Januar 2019

Link: https://www.jpc.de/jpcng/classic/detail/-/art/das-kroatische-kunstlied/hnum/8811034